Berge des Wahnsinns

Notizen von Maurice

2.9.1933

Noch zwölf Tage bis zur Abreise. Wir sind inzwischen als Expeditionsteilnehmer alle im Hotel Amherst untergebracht. Es ist etwas anstrengend, weil alles voller neugieriger Presseleute ist. Wir haben inzwischen auch viel mehr über die erste Expedition von vor drei Jahren erfahren – Entgegen ihres ursprünglichen Planes haben sie damals wohl Erkundungen in eine andere Richtung unternommen, eine extrem hohe Bergkette mit offenbar seltsamen Felsformationen gefunden (was zur Hölle sind “Spirakel”?), dahinter ein Hochplateau. Dort fanden sie auch ungewöhnliche Fossilien, und sogar, in einer unterirdischen Höhle, einige extrem gut erhaltene Exemplare irgendeiner seltsamen Art, zwei Meter lang, mit Schwingen oder Flossen, die sie versucht haben zu sezieren, was aber wohl nicht so gut funktioniert hat. Dann kam einer dieser fiesen Orkane, vor denen wir schon gewarnt wurden, und die gesamte Gruppe starb. Der Suchtrupp fand nur noch ihre übel zugerichteten Überreste. Ich hoffe, unsere Expedition bleibt von derartigen Verlusten verschont.

Für morgen hat Starkweather Toni und mir irgendwelche Listen in die Hand gedrückt. Wir sollen auf dem Schiff kontrollieren, ob die Ausrüstung vollständig ist.

4.9.1933

Mir kommen langsam Zweifel an der Organisation dieser Unternehmung. Während die Damen sich fein heraushielten – Ilse ist krank (angeblich, zumindest hat sie nicht nach mir gefragt) und Emma lässt sich massieren oder flirtet mit irgendwelchen Piloten – haben Toni und ich die letzten Tage von früh bis spät in den Laderäumen des Schiffes und in den Lagerhallen verbracht und Listen abgearbeitet. Zig Dinge wurden nicht geliefert, falsch geliefert, nicht bezahlt oder es fehlen die Genehmigungen. Die eine Hand weiß nicht, was die andere tut, und es gibt niemanden, der für die gesamte Organisation verantwortlich zu sein scheint. Außer unsere beiden Expeditionsleiter, und die haben offenbar besseres zu tun (herumschreien beispielsweise). Wie überaus sinnvoll es ist, gerade uns mit diesen Aufgaben zu betreuen, zeigte sich am Beispiel der Funkgeräte. Nachdem ich sie längst auf der Liste abgehakt hatte, stellte einer der Funker (Karl Schmidt) fest, dass sie nicht funktionieren, weil ein Teil fehlt. Ich muss dringend feststellen, wer für das Verstauen der medizinischen Vorräte zuständig ist und sie überprüfen! Es wird jedoch nicht ausbleiben, dass wir mitten in der Antarktis feststellen, dass irgendwelche wichtigen Teile entweder fehlerhaft oder gar nicht vorhanden sind. Ich hoffe, es werden keine überlebenswichtigen Dinge sein.

Emma hat immerhin herausgefunden, dass es einen Teilnehmer gibt, der bei der ersten Expedition schon dabei war. Ein Funktechniker namens McDurnell. Er scheint aber die ganze Zeit auf dem Schiff geblieben zu sein und von den unglücklichen Vorgängen im Eis nicht viel mitbekommen zu haben. Außerdem hat sich herausgestellt, dass wir einen weiteren (oder neuen? Wie gesagt, die Organisation hier ist sehr unklar) Kapitän bekommen, der ebenfalls an der letzten Expedition teilnahm. Douglas ist eigentlich schon in Rente, aber immerhin offenbar sehr erfahren in polaren Regionen.

5.9.1933

Ein unangenehmer Tag. Laut Emma ist Starkweather gestern ausgerastet, als er erfahren hat, dass Acacia Lexington auch in Richtung Antarktis aufbrechen will. Sie möchte als erste Frau am Südpol sein, bzw. ihn überfliegen. Er glaubt, dass sie unsere Expedition sabotiert und hat die Abreise auf den 9.9. vorverlegt. So kam es, dass Moore Emma dazu brachte, als Vorzeigefrau der Presse Interviews zu geben. Es wird sich zeigen, was die Reporter daraus machen, aber es scheint nicht allzu gut gelaufen zu sein.

Dazu kamen andere Presseberichte (das mit der Sabotage durch Lexington könnte durchaus stimmen!): Zusammenhänge der Expedition mit der organisierten Kriminalität vermutet (weil Toni irgendwo halb legal fehlende Ausrüstungsgegenstände besorgt hat), und Zusammenhänge zum Brand in der Met – als ob wir was dafür konnten! Natürlich immer schön mit Fotos. Offenbar schnüffeln selbst im Hotel versteckt ständig Presseleute herum.

Als krönenden Abschluss bekam ich von Tim Myers, dem nur manchmal hilfreichen Kerl an der Rezeption, einen Brief überreicht, der mir beim ersten Lesen ziemliches Unbehagen bereitet hat. Eine Art Warnung, im Eis schlafende Dinge nicht zu wecken. Ist aber wohl Unsinn, rein rational ist das wohl das Werk eines Verwirrten (lauter Widersprüche im Text wie “Gehen Sie nicht dorthin” und “ER wird Sie aufhalten” – na, dann kann ja nichts passieren?) oder wieder irgendein Trick der Presse. Meint Emma auch. Falls der Kerl, der den Brief überbracht hat, nochmal auftaucht, wird Myers ihn (hoffentlich) bitten, sich mal mit mir zu treffen. Dann werden wir ja sehen, was dahintersteckt.

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smultron

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