Berge des Wahnsinns

Tagebuchnotizen von Ilse 6. bis 8.09.1933

06.09. 1933

Henri (Anm.: Ilse’s Chefredakteur) hat mich heute Morgen zu sich ins Büro ‚eingeladen‘ – wie sich rausstellt, wollen sie jetzt im Atlantic auch ein Interview mit Emma, „dieser patenten Persönlichkeit“, natürlich über die Expedition aus Sicht einer der wenigen Frauen an Bord bringen. Kevin soll das übernehmen und ich den Kontakt dafür herstellen. Emma ist nach ihren letzten Erlebnissen mit der Presse natürlich hellauf begeistert und hat um vorherige Zusendung der Fragen gebeten – tja, ich hab es so an Henri telegrafiert. Mal schauen was da zurückkommt.

Auf dem Weg zurück ins Amherst habe ich endlich Zeit, die Zeitung aufzuschlagen, und das ist vielleicht ein Ding, Kapitän Douglas wurde ermordet aufgefunden! – aus dem Hafen gezogen, mit Würgemalen am Hals.
Im Hotel treffe ich direkt auf Emma. Die hat bereits davon erfahren – Kommissar Hanson schnüffelt hier rum und hat ihr dabei die Neuigkeit überbracht. Kann das noch Zufall sein … soweit ich weiß, ist es bisher zu keinem Treffen zwischen unserer Expedition und Douglas gekommen. Starkweather‘s Sabotage-Tiraden scheinen immer weniger weit hergeholt zu sein …
Na, wir konferieren direkt mir den anderen um zu überlegen, was nun zu tun ist. Toni ist zu sehr eingebunden in der Frachtkontrolle. Aber Emma sieht sich mal im Hotel von Douglas um, derweil Maurice und ich uns im Leichenschauhaus umtun.
Ich muss schon sagen, solche Orte sind doch immer wieder etwas gewöhnungsbedürftig. Maurice meint, Douglas war schon tot, bevor er in den Hafen ‚gefallen‘ ist. Mehr haben wir nicht herausgefunden. Wollen uns auch nicht zu lange da aufhalten, wir geraten ja so leicht in unangenehme Situationen zurzeit und ich glaube el Fatzke würde ausflippen, wenn noch mehr unpassende Fotos auftauchen. Und tatsächlich, als wir glücklicherweise schon draußen und fast um die Ecke sind, fährt doch das Auto von … (Journalistin vom Atlantic) vor.

Toni und Maurice sind weiter mit der Inventur der Fracht/Vorräte beschäftigt. Nachdem ich wieder gesund bin, helfe ich jetzt natürlich. Dabei finde ich doch noch ein paar wichtige Listen. Es ist unfassbar, was alles nicht dabei ist, falsch etikettiert, nicht an richtiger Stelle gelagert etc. Wir versuchen so gut wie möglich die Fehler zu beheben – Unnötiges zu entsorgen und Fehlendes zu besorgen. Was noch fehlt, bzw. nicht vollständig ersetzt wurde (Anm.: Mücke bitte gegenchecken): Marmelade, Würfelzucker, Worcestersauße.
Auf Tonis Vorschlag hin, gibt es jetzt ein allabendliches Koordinations-Treffen all derer, die mit der Inventur beschäftigt sind. Zum Dank brummt ihm Starkweather immer mehr auf, weil er so ein „guter Mann“ ist.

Emma taucht bis zum Abendessen von ihrem Abstecher in Douglas Hotel nicht wieder auf. Ich mache mir Sorgen und bitte Myers mir Nachricht zu geben, sobald sie eintrifft.
Irgendwann nachts taucht sie auf und ich kann doch noch beruhigt schlafen.

07.09. 1933

Beim Frühstück bringen wir uns gegenseitig auf den Stand der Dinge.
Emma hat gestern noch mit den Piloten, die von ihrer Beschaffungstour für Ersatzteile zurück sind, gesprochen. Sie sind sich uneinig, ob es denn auch alles die passenden Teile sind. Na Halleluja, wenn wir das erst vor Ort herausfinden …
Und dann ist sie Kommissar Hanson in die Arme gelaufen, während sie Douglas Zimmer inspiziert hat …

Das Zimmer war total verwüstet.
Von seinen Tagebüchern fehlen exakt die Jahre 1930/31 – ergo die mit den Aufzeichnungen zur Dyer Expedition.
Emma hat einige Notizen mit Tel.nr. Uhrzeiten und Namen zu Gesicht bekommen, darunter: Starkweather, Jared Brackman, A. Lexington
eine Notiz mit dem Namen Philipp + verschdn. Uhrzeiten + an einer der Vermerk Nachtzug, aus einem Brief wurde ersichtlich das Philipp sein Bruder ist
noch eine Notiz mit den Worten: Wykes, Grimes, Brewer, Purple Loop (Schreibweise ?)

Wir teilen uns auf: Toni muss Unmengen an Ölsardinen auftreiben und noch so allerhand anderes, beschäftigt sich also weiter mit der Beschaffung von Vorräten.
Maurice findet heraus, dass das Purple Loop eine Kneipe ist und schaut sich dort um, findet aber nichts Interessantes heraus.
Emma hängt den ganzen Tag vergeblich am Hauptbhf. rum – die Zeiten waren Ankunftszeiten, aber offensichtlich ist Philipp an einem anderen Tag angereist.
Ich vereinbare einen Termin bei Brackman – der ist Rechtsanwalt. Und war eben auch der von Douglas. Aber ansonsten kann ich ihn zu keiner brauchbaren Auskunft bewegen. Das Gebäude indem sich seine Kanzlei befindet, schließt oben pyramidenartig ab, das fällt mir nach den Erlebnissen der letzten Monate etwas unangenehm auf.

Im Laufe des Tages erreicht uns die Neuigkeit, dass drei weitere Matrosen die Expedition verlassen haben: Wykes, Grimes, Brewer. Bis auf den Funker, waren das die einzigen Matrosen, die auch bei der Dyer Expedition dabei waren. Was hatten die wohl auf der Notiz von Kpt. Douglas zu suchen, wollte er mit ihnen über alte Zeiten plaudern?
Vielleicht haben sie sich von den immer mal wieder eintrudelnden Drohbriefen dieses Verrückten einschüchtern lassen. Und dann noch der Mord an Douglas, wer weiß. Das wird alles immer merkwürdiger.
Wir versuchen noch irgendwie herauszufinden, wo sie stecken, da wir zu gern mit ihnen sprechen würden, machen sie aber nicht ausfindig.

Am Abend findet ein Treffen mit Starkweather und Toni statt, sie passen die Sicherheitsvorkehrungen etwas an …. ist doch zuviel passiert die Tage.
Toni wird auch für den reibungslosen Einzug ins Schiff verantwortlich gemacht.

Moore nimmt mich beiseite und fragt mich ob ich nicht mal versuchen könnte ein wenig mit dieser Acacia Lexington zu sprechen so von Frau zu Frau und Wissenschaftlerin zu … blabla. Natürlich als Expeditionsabgesandte. Mal auf Tuchfühlung gehen. Nur Starkweather soll es nicht mitbekommen, da scheint irgendwas zwischen den beiden vorgefallen zu sein. Überrascht mich jetzt auch nicht, nach seinen Reaktionen auf ihr Ankündigung. Ich vereinbare also einen Termin bei ihr und lade emma zu diesem Ausflug mit ein.

08.09.1933

Emma, Maurice und ich besuchen am Vormittag die Beerdigung von Douglas. Das gebietet der Anstand und wer weiß was sich da noch herausfinden läßt …
nicht besonders viel wie wir feststellen müssen.
Hanson ist natürlich auch da. Aber der Mann lässt sich nicht dazu bewegen uns mit den desertierten Matrosen oder irgendwie anders in dieser Situation mit Informationen zu helfen, wiewohl er die unseren wohl nützlich fand.

Ein alter Seebär plaudert bei Maurice ein wenig über den Zustand von Douglas nach der Dyre Exp., hat ihn verständlicherweise sehr mitgenommen damals. Und dann erwähnt er noch einen jungen Piloten+Biologen, der dabei war und als Überlebender zurückkehrte – Name irgendwas mit D – über den sei wohl damals auch berichtet worden. Ich recherchiere später ein wenig: beim Abgleich mit der Besetzungsliste den Namen Paul Dawforth gefunden. Der war “erst” beim 2. Aufklärungstrupp dabei und hat wohl deswegen überlebt. Hat sich nach der Rückkehr selbst eingewiesen. Aber sein weiterer Verbleib, wie auch der von Dyre bleiben ungeklärt.

Emma und ich besuchen A. Lexington.
Wir werden von ihr sehr freundlich begrüßt. Es gibt nur eine Spitze in die Richtung, das es doch schön gewesen wäre, sich früher einmal zu treffen …
Sie wohnt sehr beeindruckend!
In der Eingangshalle/Treppenhaus fallen mir zwei Gemälde auf:
ein Landkartenausschnitt Südamerikas – im Gespräch mit Acacia erfahre ich, dass es sich um die älteste bekannte Karte (1533) Südamerikas handelt, erstellt vom türk. Admiral Piers Reis, sie zeigt einen – zumindest heute nicht mehr existenten – Wurmfortsatz am Süden. Manche behaupten wohl, dass es sich dabei um die Antarktis handele. Ihr Vater hatte die Karte damals erworben, sie weiß leider nicht von wem.
Das zweite ist vom russ. Maler Nicolas Roehrig und zeigt eine (Himalya-?)Höhlenansicht mit schemenhaften Figuren (korrekt?). Roehrig ist ein durch seine Himalaya/Tibet/Nepalreisen beeinflusster und bekannter Maler mit starken buddhistischen Einflüssen. (Ihr Vater hat die Karte von Roehrig selbst geschenkt bekommen, sie sind zusammen gereist. – Anmerkg. Tilla: richtig oder flasch im Gedächtnis behalten?)

Im Gespräch erklärt Acacia, sie betrachte ihre Expedition als Vermächtnis und im Gedenken an ihren Vater, der sie in den Bann seiner Leidenschaft für die Antarktis gezogen habe.
Sie glaube auch nicht daran, dass er damals Selstmord begangen habe, will sich aber nicht weiter dazu äußern, sie “habe ihren Standpkt. damals geäußert”. Ich werde später meinen Assistenten beauftragen mir die damalige Presse zusammen zu suchen.
Sie erwähnt als möglichen Auslöser seiner Leidenschaft den Roman “Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym” von E. A. Poe. Ihr Vater besaß ein sehr altes Script, wohl die ursprüngliche Version. Acacia will nicht weiter darüber reden, aber in irgendeiner Weise hängt dieses Buch auch mit seinem Tod zusammen – da besteht Recherchebedarf.

Als ich das Gespräch auf die bevorstehenden Expeditionen lenke, verändert sich die Stimmung. In Acacias Stimme ist Zorn zu bemerken. Ihre Expedition “wird besser in allen Hinsichten” werden. Der Auslauf ihrer Talhahasse ist für den 10. (11.?)09.geplant.

Am Abend des 8. ziehen wir ins Schiff ein – sehr aufregend!
Nachdem wir uns einigermaßen eingerichtet haben, bewege ich mich zum Sektempfang neben dem Schiff. Es herrscht eine vorfreudige Stimmung, als plötzlich das nicht weit entfernte Treibstofflager in die Luft geht. Toni eilt sofort den dortigen Arbeitern zur Hilfe. Ich erstarre, bis ich sehe, wie ein mit – nun brennenden – Benzinfäsern beladener Kran in Richtung Schiff schwenkt. Auch Stalkweather sieht das und setzt sich sofort in Bewegung. Er will offensichtlich versuchen den Kran zu erklimmen und umzusteuern. Emma und ich eilen ihm zu Hilfe. Etwas planlos sehen wir uns um. Wir erblicken einen Wasserschlauch und versuchen das Wasser zum Laufen zu bekommen. Toni eilt uns zur Hilfe. Mit mehr Glück als Verstand schaffen wir es mit dem Wasserstrahl die Benzinfässer vom Kran ins Wasser zu befördern …
Am Ende beklagen wir drei tote Dockarbeiter, etliche Verletzte und einige zum Glück nicht schwerwiegende Schäden am Schiff.
Im Schimmer des noch glühenden Treibstofflagers läuft die Talhahassi mit der Flut aus.

Comments

tilla

I'm sorry, but we no longer support this web browser. Please upgrade your browser or install Chrome or Firefox to enjoy the full functionality of this site.