Berge des Wahnsinns

In den Bergen - 3.Lager

Maurice Kopf klärt sich

De 6 semaine rien de poudre. Je vais devenir fou. Die Welt ist genauso glasklar, kalt und eisig hart, wie ich sie in Erinnerung hatte, und das liegt nicht an den Temperaturen oder diesem Ewig an Eis da draußen. Alles hier ist still, kein Leben, keine Geräusche außer diesem Pfeifen, als würde der Wind uns eine monotone Arie vorsingen, die nie endet. Der Entzug versetzt mich in Paranoia, ich bilde mir beständig ein beobachtet zu werden. Je vraimont sais excactement pourcois J’ai pris le poudre.
Der Flug über den Pass hat eine von Jahrhunderten, Jahrtausenden? von Schnee und Eis bedeckte Stadt offenbart. Moore und Starkweather halten sich mit Deutungen noch zurück. Für mich sieht es nach Zivilisation aus, eine kolossale Ruinenstadt unter dem meterdicken, glasklaren Eis. Eine Hügellandschaft, die die alten Stadtformationen nur andeutet: Alleen, Häuser, Gänge. Alles in einer so bizzarren Architektur, Würfel, Pyramiden, Obelisken, aber so abstrakt, irgendwie nicht natürlich, als hätten sich die Erbauer eine eigene Art von Geometrie orientiert, die wir nicht nachvollziehen können. Alles hier ist zu groß, die Bewohner müssen Riesen gewesen sein. Alles wirkt alt, Tausende von Jahren alt.
Wir schlagen das Lager auf, Starkweather euphorisch, Moore besonnen, die anderen …beklommen? Der Sturm über unseren Köpfen macht den Rückflug unmöglich. Aber momentan könnte sowieso nur eine Maschine starten. Starkweather plant den Transport der restlichen Leute und vor allem der restlichen Ausrüstung vom letzten Basis-Lager. Ich habe andere Gedanken im Kopf: Wenn wir hier schnell verschwinden müssten, könnten wir mit einem Flugzeug ca. 800km an der Gebiergskette zum Meer fliegen, aber nur mit entsprechendem Treibstoffvorrat und weniger Leuten. Einige müssten zurück bleiben. Die Ausrüstung auch.
Starkweather organisiert gleich die erste Expedition in diesem “Tal”. Mit Toni und Ilse klettere ich auf diesen kegelförmigen Turm, 100m Durchmesser am Boden, ca. 30m hoch. Oben angekommen wird deutlich: der Turm war mal noch größer, vielleicht 70 bis 100m? Muss wie eine gigantische Nadel in den Himmel gestochen haben, bis es vor Jahrtausenden zusammenbrach. Der Ausblick bestätigt mich und offenbart mehr: die Stadt wurde ins Gebirge hinein gebaut. Der Flusslauf, unsere Flugschneise, endet am Pass und wird dort von 2 riesigen Säulen flankiert, die irgendwie das Ende des Flusses markieren. Unser “Tal” ist ein Platz, von dem 5 Alleen wegführen, Prospekte, kilometerweite Strahlen in diese Eisstadt hinaus, teils von Geröllbergen versperrt.
Inmitten des Kegels ein Loch, eine Art Schacht nach unten, 40m tief. Eine Rampe schlängelt sich an den Seitenmauern spiralförmig nach unten. Wir seilen uns runter.
Die Innewände des Kegels sind mit vereisten Reliefs bedeckt. Als wir das Eis entfernen die unfassbare Erkenntnis, unleugbar nun, zweifelsfrei, auch für Toni und Ilse: diese Kunst wurde von intelligenten Wesen gemacht. Aber so alt! Älter als die Menschheit, älter vielleicht als Leben auf diesem Planeten. Mit etwas Absinth könnte man sich das vielleicht noch vorstellen. Wir suchen nach Erklärungen für das Unerklärliche und scheitern. Ich schreibe alles raus. Es hilft ein bisschen.
Am Boden dieses Kegels finden wir 5 Gänge aus dem Fels gehauen, so riesig wie alles hier. Toni überredet uns in einen der Gänge zu gehen. Am Boden diese Kratzspuren, die wir andernorts bereits gesehen haben. Nicht frisch, aber auch nicht älter als hundert Jahre. Könnten diese Tiere? Wesen? Zivilisation? überlebt haben? Ich werde mich an meine verdrehten Sinne halten (müssen). Ich drängle zum Rückweg und überlege einmal mehr, was getan werden müsste, um diesen Ort schnellstmöglich verlassen zu können.
Im Lager Starkweather gewohnt euphorisch, überheblich, gezwungen optimistisch. Jeder hat seine eigene Droge um seiner Dämonen Herr zu werden.
Starkweather präsentiert fünfzackige-Specksteinsterne mit dieser Blindenschrift drauf, die keine ist, wie auf den Deckeln der Zylindersärge, was Starkweather natürlich nicht hören will. Eine Gruppe hat eine Höhle gefunden, die sich zum Übernachten eignet, also später Umzug des Lagers in diese Höhle. Toni erzählt vom Kegel-Inneren, den Reliefs. Nur Moore erfährt von den Kratzspuren. Er glaubt, dass diese älteren Wesen für den Überfall des Lakeschen Lagers verantwortlich sein könnten.
Der nächste Morgen ist grauenhaft, noch kälter. Alle sind gerädert.
Alle klettern in den Kegel und beginnen mit der Freilegung des Reliefs. Es zeigt die Geschichte einer Hochkultur, intelligent, alt, fliegende ältere Wesen, Ankunft in der Arktis, Ansiedlung im Wasser, Städtegründung auf dem Meeresgrund!, Bilder von Schreibenden, Kochen, Jagdten, Festmahlen, Zeremonien, religiösem Irgendwas, Sklaven oder Arbeitern, sowas wie Lastenträger. Ein Bild zeigt eine Bestattung, die Versenkung eines Körpers in einem Silo im Boden, in einen Zylinder, ein 5-zackiger Sternstein darauf. Die Bildserie untertitelt mit dieser Blindenschrift. Die untere Hälfte der Reliefbilder sind zu stark beschädigt, korrodiert, verwittert, wirken aber irgendwie anders, noch komplexer.
Toni, Edith und Starkweather gehen derweil in den Gang mit den Kratzspuren. Toni zeigt uns später ein Notizbuch mit Skizzen. Es gehörte wohl einem Teilnehmer der Lake-Expedition: Gatney war auch hier! Vermutlich mit Lake zusammen, aber nur Lake hat es zurück nach NY geschafft. Toni zeigt uns den Raum mit diesem leuchtenden Pilz überall, die Stifelabdrücke vor einem Relief, die Skizze dazu im Notizbuch. Diese Reliefs sind anders, komplexer, dekadenter, es beeindruckt stärker. Und es wirkt jünger als die Reliefs im Kegel. Ilse meint die Tintenklekse hinten im Notizbuch, erinnern sie an dieses Punkte-Arrangement auf den 5-Zack-Grabdeckeln.
Wir erkunden die restlichen 4 Gänge: 2 sind nach wenigen Metern durch Geröll versperrt. Der 4. geht bergab, Wände sind bearbeitet, aber ohne Reliefs, alles sieht “intakt” aus. Dann eine steile Rampe, noch eine und eine dritte. Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Am Ende ein kleiner Raum, künstlich geschaffen, 5×10m, an einer Wand eine kurze Steintreppe in die tote Wand eingearbeitet, in der Mitte 2 Schächte in die Erde. Darunter eine Kathedrale, 8m hoch, 50m lang, weitere Reliefs dieser jüngeren Machart, Säulen wie Totempfahle dieser älteren Wesen, alles aus schwarzem Stein. In der Mitte der Kathedrale ein großer monolithische Block aus schwarzem Gestein, ein Altar? ein Opfertisch? Davor Abbildungen von irgendwie religiös-mythischen Handlungen, ein Priester? Statthalter? In einer Hälfte ca. 20 Schächte im Boden, wieder diese Zylinderform und die Steindeckel dazu liegen an den Wänden. Eine Gruft. Ein einziger Schacht ist noch verschlossen. Toni und Starkweather öffnen und ich schwitze kalt als wäre ich wieder auf Entzug. In diesem Schacht finden wir Gatneys Leiche, er muss auf den Hinterkopf gestürzt und dann hier begraben worden sein. Von Lake?
Ich schreibe wie ich saufen würde, wenn es hier auch nur eine Flasche gäbe.
Toni will die gefrorene Leiche mitnehmen und in der Zivilisation begraben. Ilse will die Leiche mitnehmen, damit Moore sie zusammen mit einem Steinsplitter von diesem Altar untersuchen kann. Gegen Italo-Proll, Sturheit UND Starkweather komme ich nicht an. Moore freut sich und ich schreibe.

Toni scheint alles mit blindem Aktionismus zu verarbeiten. Auch bei mir siegt die Neugier. Also hinein in den letzten Gang. Wieder abschüssig, aber nur grob behauen, keine Eisschicht und es wird von Kilometer zu Kilometer wärmer. Nach vielen Kilometern landen wir schwitzend in einer Tropfsteinhöhle, spitze Stalagtiten und Stalagmiten bei ungefähr 0 Grad. Weiter runter den Gang, nach einer kleinen Rutschpartie sehen wir mit eigenen Augen, was Gatney in seinem Tagebuch beschrieben hat: eine Kolonie von Albino-Pinguinen in einem riesigen unterirdischen Gewölbe, unmöglich die Ausmaße zu erkennen, irgendwo plätschert Wasser.

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sha

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